Mick Rock - Der Fotograf des Rock&Roll

David Bowie, Queen, Mick Ronson, Lou Reed, Kevin Ayers, Blondie, Iggy Pop, The Ramones, die Sex Pistols - insgesamt mehr als drei Jahrzente Rock&Roll waren vor seiner Kamera.

Vor der Audienz kommen die Atemübungen.

Mick Rock schnaubt durch die Nase. Das soll der Entspannung vor dem Interview dienen. Die hat der berühmte Pop-Fotograf auch nötig. Denn wenn Rock erst mal zu reden anfängt, gibt es kein Halten mehr. Es ist, als ob einer verschiedene Kapitel seiner Biographie vorliest – und zwar alle zur selben Zeit. In 57 Jahren kommt da eine ganze Menge Stoff zusammen.

Stoff. Ein gutes Stichwort.

Vielleicht ist Rocks Sprunghaftigkeit Ausdruck eines übersprudelnden Geists. Oder Spätfolge des LSDs, das der junge Mick in den Swinging Sixties nahm. Seinen Schulfreund Syd Barrett brachte die Droge dazu, sich von einer Band namens Pink Floyd zu verabschieden. Barrett wurde der berühmteste Pflegefall des Pop. Rock kam mit dem Leben und kleinen Marotten davon. So läuft während des Gesprächs, unauffällig in einer Tasche versteckt, ein kleines Gerät. Der Apparat soll die Hirnströme der Anwesenden ableiten und so Rocks Wohlbefinden steigern, munkeln Eingeweihte.

 Wunderlichkeit als Preis eines exzessiven Lebens?

Rock ließ nichts aus. Partys, freie Liebe, spirituelle Abenteuer, vor allem aber: Kokain. Das weiße Pulver war sein Begleiter, seit er in den 70ern im Musikgeschäft groß raus kam. Glam war das neue Ding. Aufstrebende Stars wie David Bowie, Lou Reed und Iggy Pop trugen nun Lippenstift und feminine Fummel. Mick Rock war in den entscheidenden Jahren von 72 bis 75 immer mit der Kamera zur Stelle. „Ich war zur perfekten Zeit am perfekten Ort, ohne es zu wissen. Aber ich habe mein Ziel mit leidenschaftlicher Ahnungslosigkeit verfolgt.“

Ein Leben für den Augenblick.

Das Warten auf den entscheidenden Moment ist bis heute einziges Credo des Instinktmenschen Rock. „Als Fotograf brauchst Du eine unbarmherzige Seele. Eher reiße ich dir das Herz raus als auf genau das Bild zu verzichten, das ich haben will.“
Rocks rigidem Regiment unterwerfen sich in letzter Zeit wieder mehr Musiker. Neue, angesagte Bands wie The Killers oder Razorlight finden Mick Rock cool. Er hat schon ihre Vorbilder fotografiert. Rock stilisierte Blondies Sängerin Debbie Harry zur Marilyn Monroe der New Wave. Er hielt das erste Konzert der Punkband Sex Pistols fest. Seine Aufnahmen prägten das Image vieler Musiker und die Erinnerung ihres Publikums. Doch als die Bilder entstanden, waren die Legenden von heute kleine Lichter. Glam ist da keine Ausnahme. „Weder Iggy Pop, Lou Reed noch David Bowie hatten Geld. Wir waren eher Bohemians.“

Damals schoss Rock seine besten Fotos.

Ikonenbilder aus einer Zeit, als Hedonismus und Nihilismus Hand in Hand gingen. Reed und Pop waren auf dem besten Weg, sich mit Drogen zugrunde zu richten, sahen dabei aber verdammt gut aus. „Gegensätze ziehen sich an. Es gibt keinen Glitter, der ohne Blut klebt. Früher oder später gibt es Opfer. Aber auch großartige Kunst“, sagt Rock und meint damit auch eigene Aufnahmen. Berühmt ist das Foto von David Bowies Tête-à-tête mit Mick Ronsons Gitarre in der Stadthalle von Oxford. Ronson mit dem Rücken zum Publikum, die Gibson vor dem Bauch. Bowie zwischen seinen Beinen, fast auf den Knien, Ronsons Hintern im Griff, die Zähne an den Gitarrensaiten – mittlerweile ein Stück Rockgeschichte, damals ein Skandal. „Ich wusste von nichts. David schon. Als er von der Bühne kommt, fragt er mich: ‚Hast du’s? Hast du’s?’ Nach fünf Stunden Schlaf bin ich mittags im Büro seines Managers. Für die Zeitschriften ist es zu spät. Es sei denn, der Manager kauft im Musikblatt ‚Melody Maker’ eine ganze Anzeigenseite. Die hätten das Bild mal besser auf den Titel gehoben. Damals war so etwas völlig unerhört.“

Danach war Rock ein Star-Fotograf.

Dabei hatte er ursprünglich andere Pläne. An der englischen Eliteuniversität Cambridge studierte er Neuphilologie. „Ich dachte, ich könnte ein moderner Baudelaire werden.“ Aber das Schicksal wollte es anders. Als Kind einer esoterisch aufgeschlossenen Zeit glaubt Rock an die Wiedergeburt. Seine Therapie förderte ein früheres Leben als Porträtmaler eines romanischen Hofs zu Tage. Demnach war es Bestimmung, dass er in Cambridge die Kamera eines Mitstudenten in die Finger bekam – und nie mehr aus der Hand nahm. Aus dem angehenden Literaten wurde der Hoffotograf des Pop-Adels.

Vom Ruhm jener Tage lebt er bis heute.

Rock arbeitet seine Vergangenheit in prächtigen Bildbänden über Glam, David Bowie, Queen, die „Rocky Horror Picture Show“ auf, die in Deutschland beim Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erscheinen. Ein wenig treibt er damit auch seine Dämonen aus. „Man muss zur Quelle des Schmerzes zurück gehen, um ihn los zu werden.“ Auf den Höhenflug der 70er folgte ein jahrelanger Absturz. „Wo ich in den Achtzigern war? Da gibt es ein paar Sachen.“ Zum Beispiel das Cover von Joan Jetts 82er-Album „I love Rock’n’Roll“. Aber sonst? Rock lebte in New York. Er dreht ein Video für Kiss-Gitarrist Ace Frehley, fotografierte die Metalband Mötley Crüe, gestaltete CD-Sets der Rolling Stones und Aerosmith. Neue Bands sagten ihm nichts. „Es wurde erst wieder interessant, als Grunge aufkam. Aber Grunge war nicht sehr sexy.“

„Ich war ausgebrannt.“

Teenage-Angst in Karohemden. Keine Motive. Keine Aufträge. „Ich war ausgebrannt.“ Zudem blieb Rock den Drogen treu „bis ich fast gestorben wäre“. Abrupt schiebt er den linken Ärmel hoch. Eine Narbe vom Handgelenk bis zum Ellenbogen kommt zum Vorschein. „Weihnachten 1997: vierfache Bypass-Operation. Oh Mann. Sie waren da, um mich zu holen“, erinnert sich Rock. Spontan gibt er den Fürsten der Finsternis samt Gefolge. „Sie sagten: ‚Jetzt ist Zahltag. Aber wir bieten dir einen Handel an: Du kommst mit, allerdings nicht in den Himmel. Oder du bleibst, bringst dein Leben auf die Reihe und erfüllst deine Bestimmung.’“

Seither ist Rock für seine Verhältnisse solide geworden. „Am Ende wurde mir klar: genug Kundalini Yoga und Kaffee, und ich bin fast so verrückt wie auf all dem anderen Zeug.“ Sagt es und atmet erst mal tief durch. Die Audienz ist zu Ende.
© Peter Disch