Mia - Hieb und stichfest

Mieze trägt Wildlederstiefel. Erdbeerrot. Mit Fransen. Dazu einen gestuften Irokesenschnitt mit blonden Strähnen und Kajal um die Augen. Adam Ant wäre vor Neid das Schönheitspflaster aus dem Gesicht gefallen. Damals. Vor 20 Jahren. Als New-Romantic-Bands hip waren und Popstars a la Adam Ant wie die geschminkte Kreuzung aus Errol-Flynn und Winnetou aussahen.

Das ist lange her - und Adam Ant nicht mehr als eine Fata Morgana. Trotzdem liegt an diesem Sommertag des Jahres 2002 ein latentes 80er-Jahre-Gefühl in der Berliner Luft. Denn anders als Adam Ant ist Mieze keine Sinnestäuschung, sondern sitzt zwischen Andi, Ingo, Bob und Gunnar auf einem Sofa und beantwortet Fragen zu ihrer Band Mia.

Das Interesse ist groß - das Quintett ist Berlins nächstes großes Ding, auf jeden Fall aber die neuste deutsche Welle. Schon einmal brachte eine Band diese Stadt in dreieinhalb Minuten auf den Punkt. So überzeugend, dass der Hit nur heißen konnte wie die Metropole, von der er erzählt - und der superlative Name der Gruppe die einzig passende Bewertung gleich mitlieferte.

Ideals “Berlin“ war eine atemlose Schnitzeljagd in drei Strophen, ein Puzzle aus Kiez-Schnappschüssen, die sich im Refrain zum großen Bild fügten: “Ich fühl’ mich gut, ich steh’ auf Berlin!“

22 Jahre später: Aus “Berlin“ ist “Alles neu“ geworden. Die New-Wave-Gitarre, der Gören-Charme, die ohne Punkt und Komma hingerotzten Sätze, der grandiose Refrain - Mias Song macht weiter, wo Ideals coole Hymne aufhörte. Annette Humpe sang von der Mauerstadt. Miezes Berlin dagegen: zumindest geographisch wieder vereint, viel versprechend und manches haltend, vor allem aber ein Ort, an dem auch in der Krise noch an morgen gedacht wird.

Zwei Liebeserklärungen mit einem Unterschied - Ideal beschrieben den Status Quo, Mias Refrain bejubelt die Perspektiven: “Du weißt es wird passieren, die Bombe explodiert, vielleicht wirst du kapieren, alles wird wie neu sein“. “Wir sind keine No-Future-Generation“, sagt Mieze. “Wir freuen uns auf alles, was kommt“. Das hört man dem Album “Hieb und stichfest“ an. So frisch klang lange keine deutsche Popband mehr, so viele Instant-Ohrwürmer sind selten auf einem Debüt versammelt - auch wenn die 80er dafür ordentlich herhalten mussten.

Der Verweise sind viele: “Ekelhaftes Benehmen“ mündet zwischendrin in einen engelsgleichen Chor - genauso ließ Nina Hagen damals den “Fisch im Wasser“ gluckern. “Machtspiele“ lehnt sich an New Orders “Blue Monday“ an. Durch “Kreisel“ irrlichtert Nenas “Leuchtturm“, bevor der Reggae in einen Mittelteil mündet, auf den Sting zu Zeiten von Police stolz gewesen wäre.

Gehen diese Zitate auf Produzent Nhoah zurück? In einem früheren Leben war er Mitglied von Peacock Palace. Auch diese Band bewies beim Basteln an ihrem einzigen Hit “Like a snake“ 1991 Fantasie: Der Song verschmolz den Groove von Iggy Pops “The Passenger“ mit luftigem Folkpop. Nhoah ist alt genug, um sich an all die Musiker zu erinnern, mit denen seine Schützlinge verglichen werden. Mia dagegen reklamieren die Gnade der späten Geburt für sich: “Wir waren ja noch sehr klein, als diese ganzen Bands entstanden sind“, sagt Mieze.

Es sind nicht nur die 80er oder der Bezugspunkt Berlin, an dem bei Mia alte und neue deutscher Popmusik aufeinander treffen. Der Sound des Debüts schlägt eine Brücke von Kraftwerk bis zur Elektronika heutiger Tage: Analoge Synthis, vor dem Sperrmüll gerettete Telespiele und Drumcomputer fiepen und hämmern fröhlich vor sich hin.
In diesem Sowohl-als-auch-Stil geht es weiter. Mia ist eine klassische Band. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Gesang - gehört aber im Berliner Techno-Club Polar.tv zum Inventar: “Wir spielen dort vor 1000 Ravern, die noch nie ein Drumset auf ’ner Bühne gesehen haben“, sagt Andi.

Mia halten Altrocker-Ideale wie Ehrlichkeit und Livemusik hoch, investieren aber gleichzeitig in Image Design und eine Corporate Identity. Und freuen sich darüber, wenn diese offenkundigen Brüche Reaktionen provozieren, wie jüngst im Gästebuch der Band-Homepage: “Die singen alles auf Playback und die eigentliche Stimme soll von einer Russin aus Moskau sein“, stand da. Da schnurrt Mieze, die gern auch mal die Krallen zeigt, ganz zufrieden: “Die geilste Story ever“.

© Peter Disch

alle Photos: H.Flug