James Byrd – Hymnen zum Jahrestag
Es ist nun bereits ein Jahr her, dass wir alle von den Ereignissen des 11. September 2001 geschockt wurden. Tief beeindruckt hat dieser Tag auch JAMES BYRD, dessen neues Opus “Anthem” sich vowiegend um dieses Thema dreht. Wir befragten den Gitarrenhelden dazu.
CP: Byrd, deine neue CD “Anthem” wurde gerade veröffentlicht. Erzähle uns doch ein wenig darüber. Wie ich gehört habe, wurde sie stark durch die Ereignisse des 11. Septembers beeinflusst.
Byrd: Ja, das Album war das Resultat der Ereignisse, die am 11. September begannen. Ich hatte im Sommer 2001 gerade mit dem Schreiben für den Nachfolger von “Flying Beyond The 9” begonnen. Als der Angriff geschah, konnte ich nicht einfach so weitermachen. Ich versuchte es, aber alles, einschliesslich meiner Weltanschauung, hatte sich geändert. Wenn ich Alben mache, schreibe ich über Dinge, die ich wichtig finde, die mich bewegen. Es gab einen bestimmten Vibe auf “Flying Beyond The 9” und einen bestimmten Blickwinkel, den ich hatte, als ich dieses Album schrieb.
Der 11. September hat all dieses geändert. Nachdem ich mich ein paar Monate damit herumgequält hatte, für ein Album zu schreiben, für das ich keine Leidenschaft mehr empfand, habe ich alles in den Müll geworfen und ganz neu mit der Arbeit an “Anthem” angefangen. Da sich die Weltlage laufend änderte und es nicht voraussehbar war, wo wir uns befinden würden, wenn wir mit “Anthem” fertig wären, habe ich das Album als eine Art Tagebuch geschrieben. Jedes Stück wurde zu einem anderen Zeitpunkt geschrieben und reflektiert sowohl globale Ereignisse, als auch meine persönliche Sicht davon zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Als ich die Sachen, die vor dem 11. September entstanden waren, erst aufgegeben hatte, ging alles fast wie von selbst. Aber das Album reflektiert auch persönliche Ereignisse. Zum Beispiel habe ich das Stück “Thank You” für meine Freundin geschrieben, die mich nach einer ernsthaften Rückenverletzung gepflegt hat, bis ich wieder auf den Beinen war. Viele Leute wissen nicht, dass ich einige Monate im Rollstuhl verbrachte, aber in diesem Songtext habe ich das verarbeitet. Ich konnte für mehr als ein Jahr weder Gitarre spielen, noch ohne Hilfe laufen. Das hatte einen grossen Einfluss auf meine psychologische Verfassung während ich das Album schrieb.
CP: Ich finde, dass der Titel “Anthem” für das neue Album sehr gut gewählt ist, da viele Songs einen hymnischen Charakter haben. Hast du wirklich versucht Hymnen zu schreiben, ist es einfach so passiert oder liege ich völlig daneben?
Byrd: Meiner Musik wurde immer nachgesagt, einen hymnischen Charkter aufzuweisen. Aber ja, es bestand wirklich die Absicht, einen einheitlichen Charakter für dieses Album, sogar Ähnlichkeiten zwischen den einzelnen Songs zu schaffen. Die Stücke sind eigentlich musikalisch recht verschieden voneinander, aber die Instrumentierung und Produktion sind sehr durchgängig. Der Titel steht für mich mehr im Kontext mit den Zeiten, in denen wir leben und der Aussage, die ich mit meinen Texten machen wollte. Aber das Zusammenspiel davon und mein genereller Stil was Songwriting angeht machen diesen Titel zu einer offensichtlichen Wahl.
CP: Neben dir spielen auf “Anthem” Michael Flatters und Brian Hutchinson. Wie bist du auf die Jungs aufmerksam geworden?
Byrd: Michael wurde mir von einem anderen Sänger empfohlen. Ich habe ihn angerufen, wir unterhielten uns ein wenig und es hat sofort perfekt gepasst. Auch Brian habe ich durch einen anderen Musiker kennengelernt.
CP: Im Booklet zur CD bekommt Brian Hutchinson Credits dafür, Piano, Schlagzeug und Bass gespielt zu haben. Hat er alle diese Instrumente eingespielt oder wurde ein Teil davon programmiert?
Byrd: Nichts davon ist “programmiert”. Das sind reale MIDI-Einspielungen. Viele Leute verstehen nicht, was MIDI bedeutet. Sie glauben, dass “Maschinen” und “Programmierung” beteiligt sind. Es kann diese Dinge beinhalten, aber es muss nicht. Wir benutzen es nur als Aufnahmemedium, nicht als “Programmierung”. In einfachen Worten: Wenn du auf dem Album das Grand Piano hörst, hörst du genau, was Brian eingespielt hat. Das Piano wurde jedoch auf einem Keyboard eingespielt und das Keyboard benutzt “Einsen und Nullen”, um das Timbre eines Grand Pianos zu reproduzieren. Man kann die Frage also nicht ohne weitere Erklärung beantworten. Ja, Brian kann all die Instrumente spielen. Ja, es sind unveränderte Aufnahmen von Brian, der diese Teile einspielt und nein, es gibt keine “Programmierung”. Alle orchestralen Teile auf dem Album wurden durch MIDI realisiert, die Gitarren und der Gesang natürlich nicht.
CP: Dies ist deine zweite Veröffentlichung durch Lion Music. Wie beurteilst du ihre Arbeit bisher, verglichen mit deiner früheren Plattenfirma Shrapnel Records?
Byrd: Sie sind nicht zu vergleichen. Shrapnel war ein Totalausfall auf allen Positionen. Lion hat bisher sehr gute Arbeit abgeliefert. Sie haben mir sogar das Geld bezahlt, das mir zustand. Das ist ein völliger Gegensatz zu Shrapnel.
CP: Wird es eine Tour geben?
Byrd: Das ist leider zu teuer. Ich muss mich entscheiden, ob ich auf Tour gehe und dann gerade mal so überleben kann, wenn es gut läuft, oder ob ich schreibe, spiele, Alben produziere und auch noch ein wenig Geld damit mache. Es wäre mir nicht möglich, diese Musik ohne das Internet zu machen, das mir die Möglichkeit gibt, sie überall hin zu bringen. Wenn man 50000 Fans hat, die über die ganze Welt verteilt sind, ist es praktisch gesehen nicht möglich, sie alle auf einer Welttour zu erreichen. Nur das Internet erlaubt einem, eine so weit verbreitete Fanbasis zu erreichen. Wenn es um eine Musik mit einer speziellen, aber beschränkten Die-Hard-Fanbasis geht, hat das Internet eine echte Alternative zu den BACK STREET BOYS möglich gemacht. Um das Touren praktikabel zu machen, muss man hoffen, dass man der Plattenfirma das Geld, das sie einem für die Tour geliehen hat durch den Verkauf von Millionen von CDs, zurückzahlen kann. Und wenn du einmal dieses Darlehensprinzip akzeptiert hast, liegt die Richtung, in die du musikalisch gehst, nicht mehr in deinen Händen.
CP: Erzähle uns bitte ein wenig, wer dich musikalisch beeinflusst hat.
Byrd: Das sind so viele, wirklich. Im Allgemeinen mag ich die Bands, die während den Siebzigern als Prog oder Art Rock bezeichnet wurden. Aber auch Singer/Songwriter höre ich durchaus. Ich höre PINK FLOYD, ELTON JOHN, CHICAGO, THREE DOG NIGHT, HENDRIX, MAHOGANY RUSH, STYX, QUEEN, ROBIN TROWER, U.F.O., SCORPIONS, DEEP PURPLE, RAINBOW, JOURNEY, KANSAS, JEFF BECK GROUP, AL DIMEOLA, BE-BOP DELUXE, wirklich viele verschiedene Sachen, die ich noch heute unübertroffen finde.
CP: Du hast auch deine eigene Gitarre gebaut, die du seit einiger Zeit benutzt. Warum? Erzähle uns ein wenig über die Konstruktion.
Byrd: Über die Jahre hatte ich viele Endorsements mit bekannten Gitarrenherstellern. Ich habe viele Jahre Stratocasters gespielt, davor die Flying V, als ich bei FIFTH ANGEL war. Aber niemand baute ein Instrument, das die Vorteile der Stratocaster mit denen der Flying V verband. Ich wollte den leichten Zugang zu den hohen Lagen wie bei der Flying V verbunden mit dem Sound der Stratocaster. Also tat ich es selbst, aber ich wollte auch ein durchdachtes und solide gebautes Instrument. Ich hatte den nötigen Hintergrund, da ich langjährige Erfahrung im Rennwagenbau habe. Zuerst ging es nur darum, für mich selbst ein perfektes Instrument zu bauen. Was dabei herauskam waren 14 Prototypen, die ich patentieren und schützen liess. Ich hoffe, dass ich die BYRD TM SUPER AVIANTI Gitarre an einen Hersteller lizensieren kann. Ich muss etwas von der Zeit und dem Geld, das ich investiert habe, zurückholen.
CP: Kann man diese Gitarre schon jetzt kaufen?
Byrd: Wenn jemand eine möchte, kann er mir eine Bestellung schicken, die ich dann persönlich ausführen werde. Es ist kein billiges Instrument, aber auch nicht teurer als die Topmodelle anderer Firmen, z.B. Fender Custom Shop. Ernstgemeinte Anfragen kann man mir unter http://www.jamesbyrd.com zukommen lassen.
©Christoph Pöschl
Website: www.jamesbyrd.com
Diskografie:
FIFTH ANGEL - “Fifth Angel” (1986)
JAMES BYRD’S ATLANTIC RISING – “S/T” (1990)
JAMES BYRD – “Octoglomerat” (1993)
JAMES BYRD – “Son Of Man” (1995)
JAMES BYRD – “The Apocalypse Chime” (1996)
JAMES BYRD’S ATLANTIC RISING – “Crimes of Virtuosity” (1998)
JAMES BYRD – “Flying Beyond The 9” (2000)
JAMES BYRD – “Anthem” (2002)