Harry Belafonte - Island in the sun
Das Alter hat sich Harry Belafonte anders vorgestellt. „Ich dachte, wenn ich die Marke von drei Vierteln eines Jahrhunderts erreiche, werde ich auf einer Insel unter einer Kokospalme sitzen, einen Mojito in der Hand, gemixt aus mehr Rum und Minze als Zucker, über meinen Lebensweg nachdenken oder ein Buch schreiben. Jetzt, wo es so weit ist, stelle ich fest, dass dies nicht der Fall ist“.
Aus der Idylle auf einem „Island in the sun“, das der Entertainer in einem seiner größten Hits besungen hat, ist nichts geworden. Er geht auf die 80 zu ist so aktiv wie eh und je. Deshalb kann sich auch keiner beschweren, dass Belafonte auf die erste Frage mit einem fast halbstündigen Monolog antwortet. Selbst schuld, wenn man einen wie ihn auffordert, einfach mal zu erzählen, was er gerade so macht.
Denn dann greift eins ins andere. Belafonte, der ein würdevolles Englisch spricht und zum verschlungenen Satzbau neigt, kommt vom Hundersten ins Tausendste und verliert doch nie den roten Faden – weil sich die vielen Rollen, die er in seinem Leben spielte, nicht trennen lassen. Wer den Schauspieler oder Sänger will, bekommt unweigerlich auch den Bürgerrechtler und Aktivisten.
Belafonte, der im New Yorker Armenviertel Harlem ohne Vater groß wurde, der 1943 die Schule abbrach und zur Navy flüchtete, der die Starthilfe nach der Dienstzeit nutzte, um bei Erwin Piscator Schauspielunterricht zu nehmen, bevor er in den 50er-Jahren als König des Calypso den gesellschaftlichen Aufstieg schaffte, dieser Mann verstand sich immer auch als Künstler, der nicht nur unterhält, sondern seine Popularität auch in den Dienst politischer Anliegen stellt.
Allerdings: „Viele meiner Aktivitäten erscheinen nicht in den Medien. Es sei denn es gibt Krach oder Klatsch“. Deshalb wissen nur wenige, dass er neben seinem Engagement für das UN-Kinderhilfswerk und dem Kampf gegen Aids in Afrika viel Zeit „der Arbeit in den Gefängnissen Amerikas“ widmet. Themen wie diese machen keine Schlagzeilen. Belafonte scheut sich aber auch nicht, den Mund aufzumachen, wenn es Missstände anzuprangern gilt: „Es ist die Pflicht der Bürger aufzustehen und sich zu wehren, wenn ihre Regierung etwas tut, womit sie nicht einverstanden sind. Wer seine Stimme nicht erhebt, macht sich des Verrats am Vaterland schuldig“.
In einer Zeit der Kompromisse leistet sich Belafonte Prinzipien, zur Not bis zur Halsstarrigkeit. „Wenn ich jemanden treffe, interessieren mich nicht dessen berufliche oder intellektuelle Fähigkeiten, sondern seine moralischen Grundsätze“.
Die Fundamente seiner Weltanschauung wurden in den 50er- und 60er-Jahren gelegt, als er sich gegen Rassismus und den Vietnam-Krieg engagierte. Diese Zeit und ihre Persönlichkeiten wie Martin Luther King haben ihn geprägt. „Kings Tod hat eine Leere in unseren Herzen hinterlassen, die nur schwer zu füllen ist. Heute bietet uns kaum jemand die geistige Nahrung, die wir für das 21. Jahrhundert brauchen.
Gerne wäre ich dabei behilflich, Stimmen, die uns helfen könnten, zu finden und ihnen Gehör zu verschaffen“. Ob er dafür noch die Kraft hat? Die Haare sind grau geworden, allzu lange will er nicht mehr weiter machen. Müde oder resigniert wirkt Belafonte nicht, wohl aber hat ihn das Streiten für eine gerechtere Welt skeptisch werden lassen.
Von seinem neuen Musikprojekt spricht er dagegen mit Begeisterung. Belafonte, der von der Kritik oft vorgehalten würde, er würde den Calypso zu sehr popularisieren und damit verwässern, will nicht einfach eine weitere Platte aufnehmen. Ihm schwebt ein in Musik gefasster Rückblick auf sein Leben vor. Von der Jugend bis zu den gemeinsamen Tagen mit Marlon Brando im Theater-Workshop, von seinen Beziehungen zu Weggefährten wie Miles Davis, Malcom X, den Kennedys oder Nelson Mandela – all dies soll in die „Audiobiographie“ einfließen.
Aufnehmen will er sie in einem Dutzend Ländern mit Freunden von Carlos Santana über U2-Sänger Bono bis zum Trompeter Wynton Marsalis. Auch Rapper sollen dabei sein, weil der Hip-Hop Belafonte „fasziniert“: „Er verkörpert in der Musik derzeit das mächtigste soziale und politische Potential“. Seine Erwartungen sind hoch: „Ich möchte etwas schaffen, das für sich stehen kann“. Aus dem Ruhestand unter Palmen wird wohl vorerst nichts werden.
© Peter Disch
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