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Patrice - How do you call it?

How do you call it? ist die Platte geworden, die Xavier Naidoo nie machen wird: Das erste Soul-Album eines in Deutschland lebenden Künstlers, das internationales Format hat. 

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Da hat der Journalist einen Ortstermin mit Patrice bei dessen Promotion-Agentur. Im Erdgeschoss das übliche Bürotreiben. Ein Stockwerk höher, auf der halb offenen Galerie sitzt der Deutsch-Afrikaner und redet über sein neues Album, als unten plötzlich die Musik lauter wird: Wie bestellt läuft im Rundfunk seine neue Single Up in my Room. Hey, da kommt mein Lied im Radio, sagt Patrice, grinst - und schaut verschämt zu Boden.

Auf Anerkennung reagiert der 1979 geborene Patrice mit schüchterner Bescheidenheit. Im Gegensatz dazu steht die Reife seiner neuen Songs. Reggae, R 'n' B, Hiphop, 70s-Soul - melodiös fügen sich die Teile des Puzzles zu einem Bild, das in vielen Farben leuchtet. Wenn Patrice darüber redet, wie er das gemacht hat, klingt alles ganz einfach und selbstverständlich. Dabei steckt in seiner neuen CD viel Inspiration, Intuition und Talent. How do you call it? ist die Platte geworden, die Xavier Naidoo nie machen wird: Das erste Soul-Album eines in Deutschland lebenden Künstlers, das internationales Format hat.

Bei unseren Nachbarn in Frankreich ist Patrice schon länger eine feste Größe. Seine dortige Popularität ist ein Missverständnis, das viel über die Musik des Mannes aus Hamburg aussagt. 1999 veröffentlichte Patrice die EP Lions. Nur ein besseres Demo, das aber viel von der Kraft vermittelte, die in den Liedern steckt. Die Franzosen glaubten, einen neuen Ben Harper vor sich zu haben, dessen archaische Folk- und Blues-Melange sie lieben. So fing Lions an, sich als Export in Frankreich zu verkaufen. Doch als das echte Debut Ancient Spirit vorlag, wurden alle auf das Angenehmste enttäuscht: Patrice lies sich nicht festlegen. Er entwickelte seinen Stil weiter. Ein Hauch von Blues blieb, ein wenig R 'n' B und neuer Soul kamen dazu. Doch größten Teils wurzelte Ancient Spirit im Reggae.

Ich hätte noch mehr in Frankreich verkaufen können, wenn ich ein Album entsprechend der Erwartungen gemacht hätte, sagt Patrice. Aber: Ich entspreche nie den Erwartungen. Jedes Album soll eine Überraschung sein. Die ist ihm mit How do you call it? aus dem Jahr 2002 gelungen - ohne den Schub, den der Erfolg in Frankreich brachte, wäre sie aber nicht möglich gewesen. Patrice spielte danach mit dem Weltmusik-Anarcho Manu Chao, heizte für Lauryn Hill an und wurde von Youssou N'Dour zum Festival Dakar 24 im Senegal eingeladen. Patrice kam herum.

Und die Zahl der Kollegen, denen gefiel, was sie hörten, wuchs. Also spielen einige Promis auf How do you call it? mit. Leute wie die Reggae-Kämpen Glenn Browne und Darryl Thompson. Die es nicht mehr nötig hätten, für Geld zu arbeiten, sagt Patrice, die machen nur noch, worauf sie Lust haben. So geriet auf dem neuen Album alles eine Nummer größer: Entstand Ancient Spirit mit dem Studiotüftler Matthias Arfmann in Hamburg, nahm Patrice nun auf Jamaika, in New York und London auf. Und da Arfmann und er an einem Punkt angekommen waren, wo jeder seinen eigenen Weg gehen musste, entschied sich Patrice, dass ich mein Album selbst produziere.

Zwar spürte er eine große Verantwortung, aber wenn Patrice erzählt, wie es zum Beispiel mit dem Bassisten Pino Palladino lief, leuchten seine Augen: Da arbeitet er, der Jungspund, mit einem, der von George Michael über die Nu-Soul-Gemeinde bis zu The Who schon jeden begleitet hat, darf ihm aber sagen, wie er zu spielen hat. Von Produzenten wie Russell Elevado (D'Angelo) oder Cameron McVey dagegen konnte Patrice noch viel lernen. Drei Songs schrieb er mit dem Mann, der für Massive Attack gearbeitet hat, und staunte nicht schlecht über dessen Hitfabrik.

Trotz der Vielzahl der Beteiligten entstand ein unglaublich geschmeidiges Album, dessen Stärke darin liegt, wie elegant die unterschiedlichsten Einflüsse ineinander fließen. Beseelte Balladen, tiefer, dem Reggae verpflichteter Soul, vor allem aber: großartige Lieder. Die sind für Patrice sowieso das Wichtigste: Ich sehe es als Singer/Songwriter-Album. Auch wenn einem der Begriff ein bisschen merkwürdig vorkommt. In erster Linie schreibe ich Songs. Ob die dann zu Soul, Hiphop oder Reggae werden, ist zweitrangig.
©Peter Disch