Bobby Hebb und "Sunny"
Der Tag, der Bobby Hebbs Leben veränderte, war ein Tag wie so viele des Jahres 1963.
„Am Abend zuvor war ich einen heben“, erinnert sich der Musiker. Leicht verkatert, fiel sein Blick auf den samtroten Himmel. Inspiriert, nahm er die Gitarre, „fing an zu komponieren und nach einer dreiviertel Stunde war der Song fertig“. Hebb nannte ihn „Sunny“ – ein Evergreen war geboren.
Fast jeder kennt das Lied. Sein Autor dagegen ist dagegen ein Nobody geblieben. Hebb macht das nichts. Von den Tantiemen, die „Sunny“ einspielt, lebt er bis heute. Der Song half ihm sogar, ein besserer Mensch zu werden. Davon ist der Amerikaner fest überzeugt. Einen Großteil der Überweisungen verdankt er amerikanischen Radio- und Fernsehstationen. Sie allein haben „Sunny“ seit den 60er-Jahren über fünf Millionen Mal eingesetzt. In der Hitliste der meist gespielten Songs des 20. Jahrhunderts, die von der US-Verwertungsgesellschaft BMI 1999 veröffentlicht wurde, rangierte „Sunny“ auf dem 25. Platz – weit vor Klassikern wie Bert Kaempferts „Strangers in the Night“ oder „Let it be“ von den Beatles.
Dabei sah „Sunny“ zunächst gar nicht nach einem großen Wurf aus. Niemand wollte den Song haben. 1966 nahm Bobby Hebb das Lied schließlich selbst auf – und das auch nur, weil am Ende einer Session im Studio noch Zeit übrig war. Der Rest ist Geschichte: Hebbs „Sunny“ schaffte es bis auf Platz zwei der amerikanischen Hitparade. Kaum stieg die Nummer im September 1966 auch in Großbritannien in die Charts ein, zogen andere Künstler nach.
Noch im selben Monat warfen Cher und Georgie Fame ihre Versionen auf den Markt. Das war erst der Anfang. Stars wie Frank Sinatra oder James Brown nahmen „Sunny“ auf. Gelegenheits-Sänger wie Leonard Nimoy, besser bekannt als spitzohriger Spock aus der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, versuchten sich genauso an dem Klassiker wie die Surfrocker „The Ventures“ oder die Psychedelic-Band „Electric Flag“.
Auch in Deutschland machte der Song quer durch alle Genres Karriere. Am populärsten ist die Disco-Version von „Boney M.“ Aber auch Paul Kuhn und Helge Schneider spielten den Song. Die genaue Zahl der Interpretationen kennt keiner. Als Bobby Hebb bei der 500. Version angelangt war, hat er zu zählen aufgehört. Klar, dass es ihm bei einer solchen Auswahl schwer fällt, einen Favoriten zu nennen: Marvin Gaye („ich war immer ein Fan“), Chris Montez („einfach Dynamit“), Nancy Wilson („das hat vor und nach ihr niemand gemacht“), Wilson Pickett („als ob er eine Predigt hält“) oder doch Dusty Springfield („Top fünf“)? „Ich mag sie einfach alle – je nachdem, wie ich mich gerade fühle“.
Hebbs Grundstimmung ist in der Regel von einer tiefen Einsicht in die wirklichen Dinge des Lebens geprägt. Natürlich redet er auch über die guten alten Zeiten. Dann erzählt er, wie er 1966 mit den Beatles auf Tour ging, vor 50.000 Fans spielte und in Memphis einen jungen Saxofonisten namens Bill Clinton traf, der schon damals wusste, dass er eines Tages ins Weiße Haus einziehen würde. Gerne aber spannt der Mann mit der Schiebermütze den Bogen weiter. Dann gibt er kurze Antworten auf konkrete Fragen – und nutzt die gewonnene Zeit für einen philosophischen Diskurs über den Masterplan, der für jeden einzelnen bereit liegt.
Auch „Sunny“ hat darin seinen Platz. Gleich, nachdem der Song geschrieben war, „fühlte ich etwas, aber konnte nicht genau sagen, was es war. Aber das reichte, um genauer hinzusehen und darüber nachzudenken“. Für Hebb handelt „Sunny“ davon, „wie zerrissen unser Leben ist, bis wir uns selbst finden“ – und welch wichtige Rolle die Liebe spielt. Der Moment, dieses Wissen in die Tat umzusetzen, kam Ende der 70er, als Hebbs Ehe in Trümmern lag. „Nach der Scheidung sagte ich zu meiner Karriere ‚Auf Wiedersehen’, weil es sehr wichtig war, mich um meine Tochter zu kümmern“.
Das war möglich dank der Dollars, die „Sunny“ auf sein Konto spülte. „Damals lernte ich, was wirkliche Liebe ist. Das war die Zeit, in der ich ein besserer Mensch wurde“. Auch wenn sich die Prioritäten damals änderten, so ist Bobby Hebb doch immer Musiker geblieben. „Ich habe weiter Songs geschrieben. Allerdings würde ich gerne öfters live spielen“. Wenn nicht – auch egal. Ein glücklicher Mann ist er so oder so.
© Peter Disch