Ayreon – Angelangt im hier und jetzt!

Arjen Lucassen ist wieder da. Diesmal mit einem neuen AYREON-Doppeldecker, der auf Wunsch sogar um eine interessante DVD erweitert werden kann. Das monumentale Werk zeigt eine Entwicklung im bestehenden Konzept, zum Beispiel wurde der Anteil an Folkelementen deutlich erweitert und die Science Fiction ist fast völlig verschwunden. Da mussten wir beim Meister doch mal nachfragen:

CP: Hallo Arjen, als wir uns das letzte mal zur Veröffentlichung deiner STAR ONE-CD unterhielten, hast du gesagt, dass du dich als nächstes wieder mit AYREON beschäftigen möchtest.
Arjen: Da habe ich nicht gelogen.

CP: Stimmt. Das neue Album „The Human Equation“ ist, vielleicht noch mehr als die vorhergehenden AYREON-Scheiben, eine Platte, für die man sich Zeit nehmen muss, wo man sich auch das Booklet zur Hand nehmen sollte, um die Texte mitzuverfolgen.
Arjen: Genau, sonst bekommt man die Story wahrscheinlich nicht richtig mit. Ich habe das schon von mehreren Leuten gehört. Ich meine, das waren Freunde die das Album gut finden wollten. Ich habe gemerkt, dass sie freundlich sein wollten, aber offensichtlich fanden sie keinen Zugang. Nach ein paar Tagen kamen sie dann zu mir und sagten, dass sie das Album wirklich liebten. Ich weiss auch nicht, warum das so ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich diesmal viele neue Musiker integriert habe oder dass der Folk-Anteil grösser ist. Man steckt selbst ja so tief in dem Projekt drin, dass man das gar nicht objektiv beurteilen kann.


CP: Ich kam beim ersten Durchlauf auch nicht so richtig klar, aber wenn man den Zugang erstmal hat, ist es ein tolles Album! Du bist für „The Human Equation“ ja auch erstmals von dem Konzept der Science Fiction Geschichten weggegangen, zumindest bis auf die letzten zehn Sekunden von CD zwei.
Arjen: Ja, es gibt keine Science Fiction mehr. Ich möchte bei jedem AYREON-Album etwas neues machen und auf seinem Gebiet war „Into The Electric Castle“ das beste, das ich hinbekommen kann. Also machte ich für das neue Album nicht unbedingt einen Schritt nach vorn, sondern eher einen zur Seite. Allerdings standen ja auch bei „Into The Electric Castle“ menschliche Gefühle im Mittelpunkt, die halt in eine Fantasy-Geschichte verpackt waren. Als ich dann die STAR ONE Live-DVD angesehen habe, wurde mir klar, wie wichtig Emotionen bei meiner Musik sind. Und für „The Human Equation“ wollte ich dann das ganze Drumherum weglassen und die Emotionen direkt von den Gesangstimmen darstellen lassen. Alles passiert im hier und jetzt.

CP: Wie bist du die Sache angegangen und wie hast du die richtigen Sänger für die Rollen gefunden?
Arjen: Ich gehe die Sache genau von der anderen Seite her an. Zuerst schreibe ich die Musik und sehe dann, zu welcher Geschichte sie mich inspiriert. Ich habe eine lange Liste von Sängern, die interessant sind. Klar kann man nicht jeden bekommen, den man möchte. Ich arbeite zum Beispiel schon ewig daran, Ronnie James DIO zur Mitarbeit zu bewegen. Von dieser Liste rufe ich dann die Sänger an, von denen ich glaube, dass sie zum Projekt passen werden. Und erst wenn ich die Zusagen habe, schreibe ich die Gesangsparts und Texte. Ich kann keine konkreten Gesangslinien schreiben, ohne zu wissen, wer sie singen wird. Nur so kann ich die Stärken herausarbeiten. Ausserdem lasse ich alle Sänger einfliegen und die Gesangslinien werden hier besprochen und eingesungen. Ich hätte kein gutes Gefühl dabei, nur Bänder in der Gegend herumzuschicken und sich nicht persönlich zu treffen. Nur mit DEVIN TOWNSEND hat das nicht geklappt, aber ich wusste, dass ich ihm vertrauen kann.

CP: Es gibt ja auch eine ganz spezielle Geschichte über Marcela Bovio, die die Rolle der Ehefrau singt.
Arjen: Ja, nach meiner Erfahrung beim AMBEON-Projekt, wo die junge und vorher völlig unbekannte Astrid van der Veen gesungen hat, hatte ich die Idee, dass da draussen noch viel mehr unbekannte Talente schlummern könnten, die einfach nie die Chance bekommen, ihr Talent auch zu zeigen ... nur vielleicht bei einer dieser seltsamen Casting Shows. Also hatte ich auf meiner Homepage den Aufruf gestartet, mir Demos zu schicken. Der Sieger sollte dann auf dem neuen AYREON-Album einen Gesangspart bekommen. Es kamen, dann auch mehrere Hundert Demos, die ich alle durchhörte und auch persönlich beantwortete. Meine Angst, dass ich da vielleicht für jemanden eine ganz kleine Rolle schreiben müsste war auch schnell verflogen, weil sehr viele gute Sachen darunter waren. Marcelas Demo war mir auch gleich aufgefallen. Aber ich wollte allen eine Chance geben. Die letzten vier, übrigens alles Frauen, obwohl ich eigentlich eher gehofft hatte, eine männliche Powerstimme zu finden ... so ein wenig wie Ronnie James DIO, hahaha ... sollten jeweils einen AYREON Song singen. Und im Finale sollten die beiden Damen dann je einige der ganz neuen Sachen singen. Als ich Marcela dann in Mexiko anrief, war sie völlig fertig. Ich habe sie eingeflogen, um ihren Part aufzunehmen. Sie wusste wohl nicht so genau, was auf sie zukommt und hat deswegen ihren Freund, der Keyboarder in ihrer Band ist, mitgebracht. Sie hat im Studio tolle Arbeit abgeliefert, sehr professionell.

CP: ... und hoffentlich der Beginn einer Karriere! Es ist auch das erste Mal, dass du einen grösseren Gesangspart übernommen hast.
Arjen: Ja, bisher habe ich meine Gesangskünste immer unter reichlich Effekten versteckt, aber ich singe gerne. Es dauert halt nur etwas länger, weil ich immer wieder schräg singe und das dann ausbessern muss. Eigentlich sollte die Rolle des „besten Freundes“ ja von GARY HUGHES übernommen werden, aber gerade als er vorbeikommen sollte, wurde sein Studio komplett unter Wasser gesetzt und da konnte er nicht weg. Er hat zwar gesagt, er könne schnell kommen und das machen, aber AYREON ist mir zu wichtig für eine „schnelle Aktion“. Ich probierte dann noch zwei andere Sänger aus, entschloss mich dann aber, es selbst zu versuchen und bin auch recht zufrieden damit.

CP: Was die Story angeht, hältst du ja mit den letzten Sekunden eine echte Überraschung bereit. Wir werden jetzt nicht verraten, wie es ausgeht, aber wie kamst du auf die Idee? Es erinnert mich ein wenig an manche Geschichten aus der Science Fiction Serie „Twilight Zone“.
Arjen: Ich kann diese schmalzigen Hollywood Happy Ends nicht leiden, wollte aber auch kein katastrophales Ende haben. Und so kam mir diese Idee, die „The Human Equation“ gleichzeitig auch ein wenig mit den früheren AYREON-Alben verbindet. Du hast recht, vielleicht hat mich „Twilight Zone“ ein wenig dazu inspiriert.

CP: Arjen, vielen Dank für das Gespräch!

Website: www.ayreon.com/home

Dieses Interview wurde uns mit freundlicher Genehmigung von dem Musik-Journalisten Christoph Pöschl zur Verfügung gestellt!

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