17 Hippies - Ifni
Kult ist gut. Für den Ruf. Doch wo Kult ist, sind die Klischees nicht weit. Die 17 Hippies wissen das.
Die Berliner Band wird gern als wuselndes Kollektiv mit Hang zum wilden Musik-Mix beschrieben. Stimmt nur zum Teil, sagen die Hippies Kiki Sauer und Christopher Blenkinsop. Schließlich ist das 2004 erschienene Album „Ifni“ sehr strukturiert entstanden. Und der Wahnsinn hat deshalb Methode, weil man sich Kult anders gar nicht leisten kann.
„Es scheint unheimlich faszinierend zu sein, wenn man in wechselnden Besetzungen spielt“, wundert sich Kiki Sauer, bei den Hippies am Akkordeon und der Piccolo-Flöte. Natürlich gibt es das nicht oft, dass eine Band bis zu 20 Musiker auf die Bühne bringt – und dabei vom Mechaniker bis zum Magister alle Berufe, Schichten und Ambitionen vertreten sind. „Aber das lenkt auch sehr davon ab, worum es eigentlich geht: Die Musik. Das ist das Terrain, auf dem wir uns treffen.“
Und wo jeder seine Vorlieben einfließen lässt, egal ob er nun Teilzeit-Mitglied oder Vollprofi, Arbeiter oder Akademiker ist. Walzer, Klezmer, Polka, Chanson, Country – in den Stücken dieser Band hat vieles Platz. Doch immer klingt es nach den 17 Hippies, auch wenn manche Songs jahrelang durch die „Hippie-Mühle“ gedreht werden, bis sie zur Zufriedenheit aller „hippiefiziert“ sind, wie es Christopher Blenkinsop nennt, der Mann an der Ukulele.
Dabei kommt der Band zugute, dass sie sechs Monate im Jahr auf Tour ist. Seit die Hippies 1995 erstmals in Erscheinung traten, haben sie über 1000 Konzerte in zehn Ländern und auf zwei Kontinenten gegeben. Das addiert sich schnell auf über 40 000 gefahrene Kilometer im Jahr, sagt Blenkinsop. Dazu kommen die Neben-Band Sexy Ambient Hippies, Workshops, Kinderbücher, eigener Verlag und Plattenfirma oder Soundtracks wie zum Kinoerfolg „Halbe Treppe“. All das ist notwendig, um über die Runden zu kommen – bei einer Band, die im Kern aus einem Dutzend Leuten besteht.
Das nach einem skurrilen marokkanischen Ort benannte Album „Ifni“ ist bei einer derart produktiven, sich ständig verändernden Formation erklärtermaßen Momentaufnahme und Weiterentwicklung in einem. Es ist alles da, was den Hippie-Sound ausmacht. Aber erstmals nur im Studio aufgenommen, sind die diversen Stile feiner austariert. Dazu gibt es so viel Gesang wie nie. Etwas dünn, dafür aber gleich in drei Sprachen erzählt „Ifni“ gefühlvoll melancholische, mitreißend quirlige oder geheimnisvoll raunende Geschichten – wie es halt kommt, wenn man schon einiges hinter und noch vieles vor hat. „Wir provozieren das ja“, sagt Blenkinsop. Manchmal denkt er zwar: „Das ist abgefahren“. Aber: „Ich lerne dabei unheimlich viel.“
© Peter Disch